Andrew Vachss

Wo wir schon dabei sind… Eine kleine Kurzgeschichte, geschrieben von Andrew Vachss. Ein genialer Mensch – ein Anwalt in den USA, der radikal für Kinder, für Gerechtigkeit kämpft, der alles gibt, um die Täter hinter Gitter zu bekommen. Einer der wenigen, der sich nicht so blind wie der Großteil unserer so toll informierten Gesellschaft versteckt… der klar macht, dass Menschlichkeit bedeutender ist als irgendetwas anderes.

In einfache Worte gefasst, kurze Sätze. Umso deutlicher zeigen sie, was ist, umso deutlicher präsentieren sie die Realität.

Vorsicht bei psychischer Instabilität oder hoher Verletzbarkeit, gerade in Bezug auf Krebs…..

Andrew Vachss: Dope Fiend

— 1 —

Alles fing damit an, daß Charlene mich bat, sie zu töten.

Sie müssten sie gekannt haben, um zu verstehen, was das heisst. Es kann ihr nicht leichtgefallen sein, diese Worte zu sagen. Nicht, daß sie Angst vor dem Sterben hätte—ich weiß, daß der Tod ihr sehr recht wäre. Aber sie will mich nicht alleine lassen.

Es sind die Schmerzen. Der Krebs frißt sich in ihre Knochen wie eine Meute hungriger Wölfe. Beißt sich durch bis ins Mark. Für Charlene sind Schmerzen nichts Unbekanntes. Sie ist niemals eine große Frau gewesen. Aber stark war sie. Hat immer ihren Teil getan, manchmal sogar mehr als das. Ich hab sie in den Tabakfeldern getroffen. Sie pflückte eine ganze Ladung, obwohl sie noch nicht mal sechzehn war und ganz dürr.

Als wir beide die Felder verliessen, schauten wir uns nach was Besserem als Saisonarbeit um. Das schien nicht zu laufen, für eine ganze Weile nicht. Ich meine, entweder fand ich irgendeine Arbeit, aber Charlene konnte nichts kriegen. Oder sie musste kellnern oder sowas, während ich Arbeitslosengeld kriegte. Keiner von uns bekam je die Stütze, so waren wir einfach nicht erzogen.

Es gab Chancen, aber Charlene wollte das nicht. Ein paar von den Jungs, mit denen ich aufgewachsen war, wollten, daß ich ein bißchen Stoff in ein paar der trockenen Counties bringe. Richtig gutes Geld, wenn man gut fahren kann, und das ich gut fahren kann, haben die gewusst.

Charlene sagte, ich könne das nicht tun. Ich sagte ihr, daß ich der Mann im Haus bin, und wenn ich etwas tun wollte, würde ich es tun. Gegen das Gesetz zu verstoßen bedeutet ja nicht, daß man etwas falsches macht, und wir brauchten das Geld. Sie sagte gar nichts, ging einfach raus und ließ mich da sitzen.

Ich trank ein Bier und rauchte ein paar Zigaretten, überlegte, wie ich die Sache angehen sollte. Dann kam Charlene wieder ins Zimmer. Sie hatte sich rausgeputzt, als würden wir tanzen gehen – außer, daß sie einfach nicht richtig aussah: Ihr Gesicht war völlig bemalt, richtig übel, nicht so, wie sie es sonst macht. Sie hatte ihre Bluse nicht zugeknöpft. Ich fragte sie, was sie denn sei . . .aber bevor ich noch ausreden konnte, meinte sie, sie ginge jetzt runter zur Front Street, um sich etwas Geld zu verdienen. Mit Männern. Ich rastete völlig aus . . .es war das einzige Mal, das ich meine Hand gegen Charlene erhob. Sie bewegte sich nicht einmal, stand einfach nur da, die Hände auf den Hüften. Ich schlug niemals zu. Ich konnte es nicht. Und sie wußte das.

Charlene schob keine Nummern, und ich machte keine krummen Sachen. Wir probierten es einfach weiter.

Als ich einen festen Job auf der Plantage kriegte, dachten wir, wir hätten es geschafft. Ich meine, es war ein Gewerkschafts-Job, mit Zulagen und allem.

Wir wollten Babys. Dachten, wir hätten lang genug gewartet. Charlene meinte, sie würde keins ihrer Kinder in die Felder schicken; ich war ihrer ganz ihrer Meinung. Also, als ich dann fest arbeiten ging, meinen Gewerkschaftsausweis und all das hatte, beschlossen wir, daß es Zeit sei.

Aber Charlene konnte nicht schwanger werden. Eine der Zulagen, die ich bekam , war diese Krankenversicherung. Also schickten sie uns in diese— diese Klinik. Sie sagten Charlene, daß ihre . . . Innereien ganz verrottet seien. Sie hatte diesen Krebs.

Sie versuchten, ihn rauszuschneiden. Sie ging ins Krankenhaus, die Krankenversicherung bezahlte dafür. Und sie wurde operiert. Aber der Doktor erzählte uns später, daß es zu spät sei, daß der Krebs schon in ihren Knochen sei. Nichts, was man noch tun könnte.

Also stirbt Charlene jetzt in unserem Trailer. Sie kann das aushalten. Ich meine, sie kann das für sich selbst aushalten, zu sterben. Wie ich schon sagte, es gibt für sie nur einen einzigen Grund, nicht zu gehen, bei all den Schmerzen, die sie jetzt hat.

Das Problem sind die Schmerzen. Charlene hält sie nicht mehr aus. Aber die Ärzte von dieser Krankenversicherung, die sagen, sie können ihr nicht noch mehr von den Drogen geben. Es sei gegen das Gesetz oder sowas. Sie könnten ihre Lizenz verlieren.

Ich sagte dem Doktor ins Gesicht, daß ich ihm nicht glaube. Er zeigte es mir, auf einem Stück Papier. Für mich machte das keinen Sinn, also sagte ich es ihm noch deutlicher: Wenn er das wäre mit all den Schmerzen, würden sie ihm alle Drogen geben, die er bräuchte. Er sagte nichts dazu.

Was sie Charlene da geben, diese kleinen Flaschen – der Deckel ist aus Gummi, oder sowas. Damit man die Nadel direkt reinstecken kann und soviel rausziehen, wie man braucht.

Nur das Charlene nicht bekommt, was sie braucht. Jedes Mal, wenn die Schwester kommt, bittet Charlene sie um mehr. Und die Schwester sagt nur „Der Doktor hat nichts mehr verschrieben.“

„Doktor.“ Als ob er keinen Namen hätte. Keinen Namen bräuchte. Genau so gut könnte man „König“ sagen. Oder sogar „Gott“.

Sie lassen uns jedes Mal drei oder vier von diesen Flaschen hier. Sie haben mir gezeigt, wie man die Injektionen macht. Ich muß nicht mal Charlene selbst stechen. Ich meine, die Nadel ist schon in ihr drin, unter einem Verband. Ich fülle die Kanüle, dann drück ich den Kolben in den kleinen Punkt, den sie mir gezeigt haben.

Was ihr so weh tut, ist die Zeit zwischen den Schüssen. Wenn die Kraft zu kämpfen sie verlässt. Einmal gab ich ihr einen weiteren Schuß bevor die Zeit abgelaufen war. Da fühlte sie sich besser. Das konnte ich so sehen. Sie lächelte sogar ein wenig. Aber als die Krankenschwester kam und sah, daß ich statt der zwei Flaschen, die ich noch haben sollte, nur noch eine halbe hatte, sagte sie, sie könne da nichts machen. Wir müssten die Drogen so nehmen, wie sie es sagten.

Nicht mehr, als sie es sagten. Niemals.

Ich fragte sie so freundlich wie ich konnte: Warum? Ich meine, was tat es schon, wenn Charlene eine von diesen Junkies würde? Sie würde sterben. Das wußten sie alle. Warum konnte sie nicht ohne diese furchtbaren Schmerzen sterben?

Die Schwester sagte gar nichts. Ihre Lippen waren so fest zusammengepresst, daß sie dieselbe Farbe wie ihre Uniform bekamen.

Dann sagte sie, wenn man zuviel Morphium nimmt, kann es einen töten. Charlene fing an zu lachen. Aber der Schmerz machte dem schnell ein Ende. Allerdings nicht ganz so schnell wie die Schwester verschwunden war.

Ich ging nochmal zum Doktor. Er erzählte mir, daß die DEA die Regeln macht. Wenn man zuviel Schmerzmittel verschreibt, kommen sie und machen dir Ärger.

Ich fragte ihn, ob ich es richtig mache. Ob er es mir zeigen könne. Man konnte sehen, daß er das nicht wollte, aber er hatte Angst, also holte er eine dieser kleinen Flaschen aus seinem Kühlschrank-Teil und zeigte mir, wie man die Nadel einsticht. Mit meinen Augen bettelte ich um diese eine zusätzliche Flasche. Er sah weg.

— 2 —

Charlene hat jetzt alle Medizin, die sie braucht. Es wird nicht lange dauern. Wenn etwas davon übrig ist, nachdem sie fort ist, werde ich sie selbst nehmen. Dann kann ich mit ihr gehen, die selbe Straße entlang. Wenn nichts übrig ist, werde ich das Gesetz die Arbeit machen lassen. Sie sind jetzt schon seit ein paar Tagen da draußen, bellen uns durch ihre Lautsprecher an. Sie glauben, Charlene sei meine Geisel.

Das gefiel uns beiden. Es war so lustig, daß Charlene sogar ein wenig lächelte.

Ich schätze, Charlene ist jetzt eine Drogenabhängige. Ein Junkie. Sie wird bald gehen. Aber sie hat jetzt keine Schmerzen mehr.

Der Doktor auch nicht.

 

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3 Kommentare zu “Andrew Vachss

  1. Jinlys sagt:

    Hm, traurig. 😦

    Ich weiß nicht, wie die Zustände hier sind, aber ich hoffe, dass wir von den beschriebenen weit entfernt sind.

  2. Seven sagt:

    Eine sehr gute Geschichte. Danke das Du sie eingestellt hast. Und ja das Grundproblem git es auch bei uns Jinlys, so ist es auch hier. Nicht immer. Aber immer noch viel zu oft.

  3. chaoskatze sagt:

    Ich liebe die Art und Weise, wie er schreibt – die einfachen Worte, die umso deutlicher die Realität erfassen, einfach zeigen, ohne Betonen, ohne Werben, einfach, wie es ist.
    Ich denke, die USA ist gerade in den medizinischen Sachen schlimmer als hier, allerdings habe ich den Artikel hauptsächlich ausgewählt, weil er so gut zum Blog passt. Der Großteil seiner Geschichten handelt von Kindesmissbrauch und das ist auch der Hauptpunkt seines Berufs. Und da gibts mit Sicherheit keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Nationen oder Rassen – in manchen Ländern ists halt nur ein wenig versteckter als in anderen..

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