Entwarnung

Ok, zugegebenermaßen eine Entwarnung, bevor es überhaupt zu einer Warnung kam…

Hatte heute meine übliche (und letzte!) Standardkontrolle bei meiner Onkologin. Allerdings war sie nicht so begeistert, als ich ihr von den letzten Wochen erzählte.. Denn, um ehrlich zu sein, ging es mir nicht so wirklich gut. Ich habe nicht darüber geschrieben, weil ich nicht wollte, dass ihr euch zu viele Sorgen macht… Doch es gab einige Anzeichen, die eventuell für ein erneutes Tumorwachsen hätten stehen können.

Hatte seit dem letzten Chemozyklus wesentlich mehr epileptische (ca. 15x so viel wie sonst), wieder chronische Kopfschmerzen, deutlich reduziertes Kurzzeitgedächtnis, fehlende Konzentration, Emotionsgeschichten…. Also bis auf die Übelkeit genau diesselben Nebeneffekte des letzten Tumorwachstums.

Nun ja, also MRT, Ergebnis: alles in Ordnung! Kein Wachstum, nichts! *tierisch freu* Ihr glaubt gar nicht, wie erleichternd sowas ist…

Blutwerte stimmen auch, kann also die Tage mit dem letzten Chemo loslegen…

Habe dann noch ein wenig nachgedacht… Ich schätze, ich habe mich einfach überfordert… Ich tue so, als hätte ich ein ganz normales Leben, Studium, Arbeit, Leute, Partys… Dass das auf Dauer nicht funktionieren kann, ist eigentlich logisch.

Und doch… Und doch ist es irgendwie notwendig. Denn ohne das möglichst normale Leben habe ich das Gefühl des Kontrollverlusts, der Hilflosigkeit und damit kann ich nicht umgehen. Akzeptanz – ja, aufgeben – niemals!

Nur leider ist das halt begrenzt sinnvoll… Ich brauche diese Loslösung Körper – Ich; diese Trennung zwischen mir und dieser Sache da. Schon allein aufgrund der Schmerzen, die mich schon immer begleitet haben, aufgrund der Distanz, der fehlenden Übereinstimmung.

Nur irgendwie ist das in den letzten Wochen und Monaten ein wenig aus dem Ruder gelaufen.. Immer bin ich die, die gutgelaunt ist, die offen und ohne Probleme über diese ganze Scheiße redet, die objektiv betrachtet und erzählt. Und immer wieder sagen mir Leute, wie toll sie es finden, dass ich so stark wäre, so gut damit klar käme.

Und immer mehr kommt es mir vor, dass das alles eine Maske ist, eine Maske, die so gewohnt ist, dass ich nicht mal mehr weiß, was ich bin. Und es kommt mir fast wie ein Hohn vor, denn jedesmal, wenn mir das jemand sagt, denke ich mir: „Nein, ich müsste mehr schaffen, ich müsste erst einmal überhaupt irgendwas schaffen, ich bin nicht genug. Du denkst das nur, weil du nicht siehst, wie wenig ich schaffe, wie schwach ich bin.“

Wenn ich gut klar käme, dann hätte ich nicht so Probleme mit der Fahrschule, dann hätte ich wenigstens eine Klausur bestanden, würde mehr arbeiten. Dann würde ich nicht ständig wegen jeder Kleinigkeit das zicken anfangen, mich in mein Zimmer verkriechen oder hinter das, was die Leute denken, dass ich bin, ohne zu sehen, dass es nur ein Teil von mir ist, eine der vielen Seiten.

Letzte Woche war ich unterwegs… Stockbesoffen… Habe mich mit jemandem unterhalten, ausgeheult. Relativ objektiv. Und doch – mir fiel es ungeheuer schwer, überhaupt zu reden, ich habe immer noch irgendwie Schuldgefühle dabei. Schließlich bin ich es doch, die dafür verantwortlich ist, ich bin doch die, die nicht gern um Hilfe bittet. Was rein theoretisch Blödsinn ist, schließlich hätte er ja auch einfach aufstehen und gehen können… Ist eh eine absolute Ausnahme, dass jemand so nahe an mich ran kommt, das lasse ich nur in sehr wenigen Freundschaften zu…

Es hat mir gut getan, einfach mal reden, einfach mal ein wenig Sein, nicht immer nur selbstfordernd und scheiternd. Und doch hat es mich durcheinander gebracht, es ist, als hätte sich eine Tür geöffnet, die nicht hätte geöffnet werden dürfen.

Das ist schwierig, es ist nie gut, die Kontrolle zu verlieren… Gerade jetzt nicht. Es ist ja auch nur noch einmal Chemo. Und es muss halt nun mal gearbeitet werden – ganz davon abgesehen, dass ich spätestens bei der nächsten Rechnung von der Fahrschule pleite bin und Geld leihen muss. Ich hasse es, Schulden zu haben! Aber ich hatte fast ein Jahr gespart, mehr war einfach nicht drin… Und das muss ich so schnell wie möglich wieder beendet haben, also mehr Arbeit. (Wenn ich mir das schon überlege, wird mir schlecht – um 45 Minuten Fahrschule zu bezahlen, muss ich über 5 Stunden arbeiten!)

Von der Uni ganz zu schweigen.. *nicht daran denken mag*

Ich weiß gar nicht, warum das nicht einfach mal so laufen kann… Schließlich geht es mir gut… Keiner, der mich nicht kennt, würde mir je ansehen, dass ich Krebs habe, dass ich EDSler bin, dass es momentan nicht so einfach ist. Rein theoretisch ist das alles ja auch kein Drama… Gibt schlimmere Chemoarten als Temodal, habe nicht wirklich viele Anforderungen – warum, verdammt noch mal, kann es nicht einfach klappen???

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2 Kommentare

2 Kommentare zu “Entwarnung

  1. Leann sagt:

    Hallo Chaoskatze,
    es ist das erste mal das hier schreibe, doch heute komm ich nicht drum rum Dir ein paar Worte da zu lassen.
    Das wovon Du schreibst, kenne ich nur zu gut.
    Ich weiß nicht ob es der Verstand ist der einfach sagt, Du musst jetzt funktionieren. Du musst gut drauf sein, alles schaffen die Starke sein.
    Doch ich denke das es der ist. Und wenn man dann genauer hinschaut und darauf achtet was eigentlich ganz tief drin ist, das was das Gefühl sagt. Man ist nur eine Hülle nach außen … man lacht obwohl einen nicht danach ist, innen spürt man Verzweiflung, Trauer, Wut … man möchte einfach auch mal schwach sein. Doch man funktioniert …
    Doch liebe Chaoskatze, Du darfst es auch nach außen zeigen …

    Ich wünsche Dir Stärke und Mut das zu zulassen
    Und Kraft für die nächste Runde
    Leann

  2. katze sagt:

    Willkommen hier =)

    Ja, du hast recht… Gebe mir Mühe.. Bzw, ich denke auch, wenn das Theater hier erst mal vorbei ist und ich ein wenig Ruhe habe, eine Pause, dann geht das schon ganz schnell wieder.
    Ist ja nicht so, als ob ich sowas noch nie erlebt hätte! 🙂

    Und – schön, dass du hier geschrieben hast…

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