Geburtstag. *trigger*

Ein Artikel, der einige Dinge sehr deutlich anspricht. Wenn du triggeranfällig bist, nicht lesen! Es sind keine Sternchen, es werden triggernde Wörter und Bilder verwendet! Betrifft die Bereiche Essstörung, Missbrauch, SVV.

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Eine Freundin von mir hat heute Geburtstag. Ich denke zur Zeit sehr oft an sie. Aufgrund der Entfernung kann ich sie nicht so oft besuchen. Leider. Wir haben ausgemacht, dass sie sich wöchentlich meldet – damit ich sehe, dass sie noch lebt.

Sterben ist etwas, womit sich jeder auseinandersetzen sollte. Und viele es nicht tun. Ich habe mich schon sehr früh damit beschäftigt – meine erste Patientenverfügung hatte ich, wenn ich mich recht erinnere, mit 17 unterschrieben. Bevor ich wusste, dass ich eine tödliche Krebskrankheit habe. Andere können es nicht, verdrängen es. Ich weiß nicht, warum, werde es wohl nie verstehen.

Sie, nennen wir sie Jana (ist natürlich nicht ihr realer Name), hat keinen Krebs. Ihr Körper war gesund. Jahrelang wurde ignoriert, was sie sich selbst antut. Wie sie trinkt, schneidet, hungert. Bis zu dem Tag, an dem ihr jegliche Selbstentscheidung genommen wurde. Sie vor Gericht als unmündig verurteilt, ins Krankenhaus geschleppt, ohne psychologische Hilfe (!!! hattet ihr einen Vollschaden??) gemästet und nach Hause geschickt wurde.

Als ihr die Freiheit, sich selbst zu entscheiden, genommen wurde, genauso wie an dem Tag, als der Mann beschloss, ihr „Nein!“ zu ignorieren.

Jahrelang wurden ihre offensichtlichen Probleme übersehen.

Wie bei all den anderen Fällen, die jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag hier in Deutschland wie überall in der Welt passieren.

Von all diesen feigen, naiven Menschen, die sich hinter ihrer kleinen Welt verstecken; die danach sagen, hach, wie konnte er, nein, wir hätten niiiieeemals gedacht, dass die Schreie ernst waren, dass der ach so liebe Nachbar seine Kinder halbtot vögelt.

Ihnen einspeichert, dass sie selbst schuldig wären.

Oh, wie ich euch verachte. Euch, die ihr wegschaut; die ihr zu feige seid, die Welt in all ihren Grausamkeiten zu sehen. Ihr, die ihr sagt, ach, ich muss nicht helfen, jemand anders wird das schon machen. Ihr, die ihr das Kind mit seinen schweigenden, toten Blicken ignoriert, weil ihr euch denkt, es wäre unhöflich, peinlich, das Jugendamt zu kontaktieren.

Große Diskussionen über Pädophile und über Leute, die Kinder missbrauchen. (Ja, das ist ein Unterschied! Ein überdurchschnittlich hoher Teil an Menschen, die selbst in früher Kindheit missbraucht wurden, werden pädophil. Aber die meisten wissen, was es heißt und würden das niemals einem Kind antun… Und es gibt Leute, die Kinder missbrauchen, aber nicht pädophil sind). Das ist eine bewusste Entscheidung, keine Krankheit!

Kinder sind Schätze, sie sind das Wertvollste unserer Welt. Sie sind die Zukunft; sie sind diejenigen, die noch wahrlich leben. Wie könnt ihr wegsehen, wenn sie immer wieder mit blauen Flecken in die Schule kommen; wenn sie sich auffällig verhalten?

Wie könnt ihr wegsehen, wenn sie sich wieder den Arm, die Beine aufgeschnitten haben? Wenn ihr die neuesten Verletzungen, Schnitte, Verbrennungen zunäht, sie in einem Alter sind, in dem sie nicht mal rauchen dürfen und sie euch mit den müden Blicken eines Mannes anschauen, der zu viel gesehen hat?

Wie könnt ihr nur leise mit dem Nachbarn tuscheln, wie dünn sie doch geworden ist? Irgendwann wird es zu spät sein…

Echt, ich könnte kotzen, wenn ihr behauptet, ihr würdet ja gucken, aber ihr kennt niemanden, der eine Essstörung hat (nein! Magersucht ist eher eine weniger häufige Essstörung, die meisten Essgestörten haben Normalgewicht!), selbstverletzend ist, drogenabhängig, missbraucht wurde. Es zeigt nur, dass ihr nicht hinsehen, nicht darauf achten könnt. Instinktiv die meidet, die vielleicht komplizierter sind oder die, die euch nicht so leicht an sich ranlassen. Die, die eher außen stehen. Schweigen.

Die, die lachen und feiern und nur ab und an einen Blick haben, der zeigt, dass dahinter eine Welt ist, die ihr nicht mal erahnen könnt.

Inzwischen geht man davon aus, dass bei 1/5 der 11-17jährigen die Gefahr einer Essstörung vorliegt.

Ihr lästert über die Männer, die in den Medien bekannt werden, weil sie ein Kind entführt, missbraucht und getötet haben; fangt an, eure Kinder einzusperren. Und überseht, dass ein Großteil der Kinder von der eigenen Verwandtschaft missbraucht, gequält werden. Man geht von einer Dunkelziffer von 500 000 missbrauchten Kindern unter 14 jährlich aus.  Aber euer Nachbar, euer Onkel, der würde das ja nicht machen……

Ihr denkt an kleine blonde Mädchen, mit großen Augen, die euch angucken… Und überseht, dass über 60% der missbrauchten Kinder Jungs sind (wobei es hier unterschiedliche Studien gibt) – Jungs, die nicht weinend ankommen, sondern Verhaltensauffälligkeiten aufzeigen, für die sie vielleicht noch bestraft werden. Weil sie sich nicht trauen zu reden. Ihr ignoriert, dass es auch Frauen gibt, die Kinder sexuell missbrauchen – und dass viele es einfach nicht wahrhaben wollen. Ihr überseht, dass gerade streng religiöse Familien signifikant häufiger sexuellen Missbrauch vorliegen haben.

Was ist mit den Frauen, die sich einfach nicht trauen, Nein! zu sagen, zu dem Mann, den sie anbeten? Die sich einreden, dass es doch nicht so schlimm ist, wenn es ihnen nicht gefällt – es ist doch nur ihr Körper, dafür liebt er sie doch.

Wie könnt ihr weitermachen, nur weil sie nichts sagen kann – und danach duschen geht, zusammenzuckt, wenn ihr sie anfasst? Wenn sie immer mehr und mehr Essen in sich reinstopft und danach am Klo verschwindet? Wenn ihre Hände schon Narben von den Zähnen haben…

Eine Essstörung ist nicht primär vom Gewicht abhängig. Das Essverhalten ist immer eine Folge. Eine Folge von Erfahrungen, die (zum Großteil) während der Kindheit/Jugend auftreten. Für die wir Erwachsene zuständig sind.

Wie könnt ihr da wegsehen?

Jana hat Geburtstag.

Sie ist 167cm groß. Und wiegt circa 35kg.

Sie wird keine 80 werden. Sie wird keinen Geburtstagskuchen essen. Ihr Magen nimmt kaum noch Nahrung an.

Sie wird ihr Blut kontrollieren lassen. Ihre letzten Kaliumwerte waren 1,6 – für normale Menschen tödlich.

Sie wird den Großteil der Tage da sitzen. Gepflegt, geschminkt. Neumodisch gekleidet, Piercings. Mit dem Gesicht einer Toten, in dem Tshirt eines Kindes.

Die Hände krallen ab und an zusammen. Ihre Organe zeigen bleibende Schäden. Die Herzrhythmusstörungen haben sich deutlich verstärkt.

Ich traue mich kaum, sie richtig zu umarmen, aus Angst sie zu zerbrechen. Sie, die versucht hat, auf diese Weise zu verschwinden, sich zu schützen – nicht leben, nicht sterben.

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Sie hat heute Geburtstag.

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Bitte, bitte, lass es nicht der letzte sein.

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Quellen:
http://www.bzga-essstoerungen.de/
 http://www.bdkj-re.de/missbrauch/statistiken-kindesmissbrauch.php
http://www.dunkelziffer.de/information/wasistsexmissbrauch/faq.html
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Die Bilder sind mit Erlaubnis der betreffenden Person veröffentlicht.
Den Artikel könnt ihr gerne verlinken, würde aber gerne darüber
informiert werden. 
Ich bitte euch, aus Respekt vor der betreffenden Person, die Bilder
nicht als Thinspirations zu verwenden.
Nähere Fragen bezüglich ihrer Persönlichkeit werde ich nicht beantworten.
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12 Kommentare zu “Geburtstag. *trigger*

  1. Sue sagt:

    `Jana` hat eine Freundin wie Dich. Eine Löwin mit Krallen.
    Hoffentlich werden es mehr und hoffentlich hat sie die Art Unterstützung und Hilfe, die ihr gut tut.
    Ich gehöre auch nicht zu den Wegsehern und ich kann Deine Wut sehr, sehr gut verstehen……
    Lieben Gruss sue

  2. drkall sagt:

    Ich kann Deine Wut und Dein Unverständnis gegenüber den Wegsehern nachvollziehen, wegsehen ist sicher die allerschlechteste Option.

    Ich verstehe allerdings auch die Schwierigkeiten vieler Menschen aktiv zu werden. Es ist in vielen Fällen sehr schwierig eine Zugang zu den Betroffenen zu bekommen, besonders wenn sich das Problem bereits chronifiziert hat. Man hat dann ein Gefühl von Hilflosigkeit, das Bewusstsein, dass man etwas tun sollte/müsste, aber nicht weiß was, oder man weiß was, nützlich sein könnte, aber sieht keine Chance.
    Ich erlebe das mit einer seit langem zwangskranken Person aus der weiteren Verwandschaft. Ich weiß, dass die Situation (Wohnen und familiär), in der sie sich befindet alles andere als förderlich für eine Besserung ist, ich weiß, dass es bald so sein wird, dass eine Situation eintreten könnte, die in kurzer Zeit zur völligen Verwahrlosung führen würde. Ich hab aber keine Idee, wie ich daran etwas ändern könnte, vielleicht muss es erst dazu kommen.

    • Chaoskatze sagt:

      Es erwartet ja auch keiner, dass du auf einmal allen möglichen Leuten das Leben rettest. Die Verantwortung hat immer noch die betreffende Person selbst, zumindest ab einem gewissen Alter. Ab und an genügt ja schon eine Kleinigkeit. Zb bei deiner/m Verwandten. Etwas zu ändern, das muss die Person selbst. Aber wenn du zb einfach nur eine Karte schickst, wo drauf steht – hey, ich bin für dich da, wenn du jmd brauchst, melde dich einfach. Ich mag dich, so oder so.
      Das sind nur ein paar Worte, 2 Euro und ein paar Minuten. Aber manchmal langt das schon, um etwas zu ändern. Und wenn es nur ist, dass die Person einen guten Tag hat. Vielen geht es doch so, dass sie glauben, kein Recht darauf zu haben, um Hilfe zu bitten, oder zu stolz sind etc.

      • drkall sagt:

        Das Problem ist hier, dass sich jemand (und die Co-Abhängige ebenfalls) im Laufe vieler Jahre in einer Situation gegenseitiger Abhängigkeit eingerichtet haben, die ihnen subjektiv vielleicht einiges an Bequemlichkeit bietet, aber von außen betrachtet nichts weiter als eine fürchterliche Sackgasse ist, die jeden Fortschritt hinsichtlich des Zwangs verhindert. Da die Co-Abhängige aber sehr alt und gebrechlich ist, ist absehbar, dass dieser Zustand in nicht allzu langer Zeit nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, was beide aber vollkommen verdrängen. Noch wäre es Zeit, für die Zeit danach eine Lösung zu suchen, aber dafür ist keiner der beiden zugänglich, sodass man leider nur relativ hilflos zuschauen kann.
        Mehr ins Detail möchte ich hier nicht gehen.

  3. dreamsandme sagt:

    Liebe Katzi,

    ich schreibe dir diese Zeilen als ein solches „Opfer“. Ich habe es damals meiner Mutter gesagt und erntete nur ein Schulterzucken. Wenn man von der eigenen Mutter so eine Reaktion bekommt, dann geht man damit auch nicht weiter. Keiner konnte es sehen, fast niemand weiß es bis heute, ich rede kaum darüber. Dieser Mann, zu dem ich nicht mal nein sagen konnte, weil ich zu klein war, hatte sich vor vielen Jahren erhängt, damit konnte ich loslassen.

    Es tut mir leid für deine Freundin, dass sie so tief in ihrem Seelenschmerz gefangen ist, aber ich kann es auch nur zu gut verstehen. Schön, dass sie eine Freundin wie dich hat und du nicht wegsiehst!

    *umärmel*
    Sunny

    • Chaoskatze sagt:

      *umärmel*
      Ja, das Verhalten deiner Mutter war unter aller Sau (und vom menschlichen abgesehen evtl sogar strafbar….).
      Ich bin froh, dass du es geschafft hast, davon loszukommen… das schafft nicht jeder…

      Und ich wette, du gehörst zu den Leuten, die lieber ab und an mehr auf sich selbst achten sollten…

  4. wuestenrot sagt:

    Sagst du ihr alles Liebe von mir? Ich denke an sie.

    Wenn sie ist, wer ich vermute. 😦

  5. KittyKalium sagt:

    heute gelesen: was ist mit so einem gfall?
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,772728,00.html
    Der Horror. Meiner Meinung nach haben die eltern nciht mal sonderlich viel falsch gemacht. In was für einer welt leben wir eigentlich, in dem man nicht mehr seinen nächsten vertrauen kann und nicht einmal unterstützung von unserem rechtssystem bekommt?

  6. Fliederbaum sagt:

    Was ich nicht verstehe, ist: Warum hat sie sich nicht selbst geholfen?
    Ich habe einen Kumpel, dem ist ähnliches passiert, der jedoch selbst rausgekommen ist: Arzt anvertraut, Therapie gemacht (ambulant und stationär), Kuren etc. .

    Sie hat es auch ignoriert, was sie mit sich tut. Sie hat indirekt um Hilfe gebeten, aber nicht aktiv.

    • Chaoskatze sagt:

      Uh, das ist schwierig. Sicher ist sie jetzt für sich verantwortlich, aber als das alles passierte, war sie es nicht, alterstechnisch bedingt. Jetzt sucht sie Hilfe, zb ambulante Therapie, aber ob das noch langt… schwer zu sagen… Wie kann ich urteilen, wenn ich selbst nie in so einer Situation war?

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