Selbstheilung, Glauben & Co.

Heute mal wieder ein wenig rumgesurft. Schaue immer mal, ob es neue Blogs oder Homepages von Betroffenen oder Angehörigen mit Hirntumoren gibt.

 

Immer wieder fallen dabei Seiten auf, die berichten, wie sie schon viel länger überleben, als in der Statistik angegeben sind. Dabei wird von unterschiedlichen Gründen erzählt. Am häufigsten begegnet mir der Glaube, frei nach dem Motto, seitdem ich irgendwelche Götter anbete, wächst der Tumor nicht mehr.

Natürlich gibt es auch noch einige andere Varianten, von Selbstheilung über Vitamine bis Ernährung ist so ziemlich alles dabei.

 

Bei der Hälfte dieser Seiten wächst mein Aggressionspotential erstaunlich schnell.

 

Teilweise wird da geschwärmt, schon fast geworben; fehlt nur noch eine Lautsprecherdurchsage und von der Decke fallende rosa Engelchen oder so. „Belegt“ wird das Ganze meist mit Links oder vagen Ansagen, oder mit möglichst wissenschaftlich klingenden Romanen.

 

Was nur leider dabei vergessen wird:

  • Nachweise. Wirkliche, wissenschaftliche Nachweise, mit genügend Versuchspersonen, Kontrollgruppen, Wiederholungen etc etc.
    Sowas lässt sich nicht mal schnell in 2 Jahren für 30 Euro raus finden…
  • Statistik. Die Behauptung, dass man die Heilung schlechthin gefunden hat, mit längerer Überlebensdauer zu „beweisen“, ist dämlich. Denn 1. gibt es immer Ausnahmen, Springer etc., 2. sind einige Statistiken „veraltet“, in den letzten 20 Jahren zb ist doch sehr viel passiert, 3. ist das Alter bei der Tumorart ein großer Unterschied und die wenigsten 95ig jährigen Opas von nebenan fangen spontan an, einen Bericht online zu stellen.
  • Reiner Zufall. Nur, dass du was geändert hast und gleichzeitig eine andere Veränderung auftritt, ist noch lange nicht der Nachweis, dass das eine die Bedingung von dem anderen ist. Vielleicht ist es reiner Zufall oder beides geht von einer anderen Ursache aus. Wer weiß das schon?
  • Risiko. Wenn ihr Pech habt, liest das jemand zufällig und macht genau das nach. Oder zwingt sein Kind dazu, so weiter zu machen. Und riskiert damit dessen Leben bzw. beschleunigt vielleicht den Krankheitsverlauf.
  • emotionaler Druck. Durch diese Aussage kommt gleichzeitig rüber: „Wenn es bei dir nicht klappt, bist du selbst schuld, dann stirbt dein Kind, weil du ihm nicht Vitamin XY gegeben hast…“
    So eine Aussage ist unglaublich anmaßend und verantwortungslos.
    Nebenbei verurteilt das all diejenigen, die bereits gestorben ist. Dein Pfarrer ist dennoch gestorben? Na, war er halt nicht gläubig genug. Ts, wie konnte er… Sorry, aber da hört der Spaß auf…
    Jeder kann an Krebs sterben, genauso wie an einem Unfall oder an was auch immer. Die einzigen, die das halbwegs selbst entscheiden könnten (und das wäre eine andere Diskussion, ob dem so ist), sind die, die sich umbringen. Alles andere ist eine Mischung aus Risikofaktoren, genetischer Vererbung und reinem Pech.
    Ich kann mir nur sehr wenige Fälle vorstellen, in denen man selbst für die Entstehung von Krebs verantwortlich ist, vorstellen. Wer behauptet, die ultimative, garantierte Lösung schlechthin zu finden, lügt. Ganz einfach.
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12 Kommentare zu “Selbstheilung, Glauben & Co.

  1. Sue sagt:

    Liebe Katze,
    ich kann Deine Wut hier gut verstehen. All diese Sprüche über div. Heilungsgeschichten und vor allem auch über ´Wunder` durfte ich auch schon live hören. Inzwischen schlucke ich meine Anwort nicht mehr runter und wer sie nicht verträgt hat eben Pech 😉
    Oft können Menschen einfach mit der Information, jetzt einen wirklich totkranken Menschen vor sich zu haben, nicht umgehen und die Sprüche sind eine Art (unüberlegte) Verlegenheitsreaktion.

    Ich wünsche Dir ein schönes und ärgerfreies Wochenende
    lieben gruss sue

    • Chaoskatze sagt:

      Ja, meistens spürt man ja auch, ob die Person einfach so antwortet, weil sie nicht recht weiß, was sie sagen soll oder ob sie wirklich einfach keine Lust hat, darüber nachzudenken, ob sie an solche Dinge glaubt etc…
      Bei ersterem achte ich oft gar nicht darauf, weil ich ja dann spüre, wie es gemeint ist. Letzteres kann dann schon interessant werden… ^^

  2. drkall sagt:

    Ach ja, das ist ein Kampf gegen Windmühlen.
    Übe Spontanheilungen hatte ich es ja vor kurzem auch mal http://drkall.wordpress.com/2011/08/20/spontanheilungen/
    Leider scheint das ja vor allem bei Nichbetroffenen auf fruchtbaren Boden zu fallen, wie ich auch an meiner engeren Umgebung feststellen konnte. Es ist immer schwierig, diese Zähne zu ziehen.

    Und die Schuldfrage hab ich ganz am Anfang auch mal behandelt http://drkall.wordpress.com/2010/09/10/die-schuldfrage/

    Ich frag mich immer, warum es den Leuten soviel leichter fällt, sowas zu glauben als die einigermaßen logischen Aussagen von Statistiken. Dass nicht jeder genau den statistischen Mittelwert trifft, müsste doch eigentlich klar sein, und dass Ausreißer nach unten und oben möglich sind auch.

    Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das, was in meinem Hals passiert ist, nichts damit zu tun hat, dass ich keine Himbeeren gegessen habe. Und ich glaube ebenfalls fest daran, dass das Essen von Himbeeren mein Rezidivrisiko nicht merklich senken wird. 😉

    • Chaoskatze sagt:

      Wobei mir das wirklich sehr gefallen würde, wenn die Krankenkasse das glauben und mir jeden Tag ein halbes Kilo Himbeeren hinstellen würde. Ich liebe Himbeeren! 😀

      Dein Artikel trifft es super – viele wollen oder können nicht vor sich selbst eingestehen, wie schnell es einen erwischen kann.
      Es gibt nun mal selten einen spezifischen Grund, der Krebs verursacht. Außer die seltenen genetischen Defektarten oder dem Hobby, Atombomben auszulösen.

  3. sharmaynn sagt:

    Ich hab es selbst vor kurzem noch im näheren Umkreis erlebt. Eine Bekannte meiner Schwiegereltern aus den USA. Sie meinte man könne den Krebs mit Sachen wie Vitaminen, Hitzetherapien, Bädern mit bestimmten Zusatzstoffen und dergleichen heilen. Innerhalb eines halben Jahres hat sie den Kampf verloren. Zurück lässt sie einen Ehemann, Kinder und jedemenge Schulden die mit diesen sonderbaren Therapien aufgetreten sind.

    Das ist etwas was ist absolut verurteile. Das dieses ganze Glaube an dies, Glaube an jenes, alles Dinge die nachweislich nicht helfen auch noch Unmengen an Geld kosten. Die Hinterbliebenen bleiben letztendlich nicht nur mit ihrer Trauer sondern zusätzlich auch noch mit einem Schuldenberg zurück.

    Natürlich denke ich man sollte alles versuchen. Eine positive Einstellung und Kampfgeist ist bei einer Erkrankung dieser Art immer das beste. Dabei sollte man aber vielleicht in erster Linie die Medizin in Betracht ziehen. Mit diesen sogenannten Wundermittelchen wäre ich da echt vorsichtig. Vielleicht hilft eine Ernährungsumstellung, vielleicht hilft ein chinesische Kräutertee, aber verlassen würde ich mich da nicht drauf.

    Alle Seiten, Tips, Ideen, Wundermittelchen die angepriesen werden und dabei Unmengen an Geld kosten würde ich kommentarlos links liegen lassen.

    • Chaoskatze sagt:

      Ja, das ist mies. Irgendwie verständlich, aber bekleckert denjenigen nicht gerade mit Ruhm…

      Denke mir halt, klar, eine gesunde Ernährung wäre vielleicht sinnvoll und keinen Alkohol trinken und was weiß ich. Aber ganz ehrlich – vielleicht ein paar Tage länger leben und dafür sich bei noch mehr Sachen einschränken, den Alltag noch stärker davon beherrschen lassen? Nein danke!

  4. Tweetie sagt:

    Tja, stellt sich wohl die Frage, wieso man den Mensch nicht als ein Zusammenspiel von ganz vielen Faktoren sehen kann…. Glaube allein, oder Vitamine, oder vielleicht auch allein die medizinische Behandlung können nicht wirken und ich find es auch absolut unverständlich, wie man so etwas glauben und vor allem vorpredigen kann. Letztlich gehört doch alles zusammen, mens sana in corpore sano – und so. Wird eigentlich komplementär zu lebensbedrohlichen Diagnosen die Hilfe durch Seelsorger und/oder Psychotherapeuten angeboten?
    Schön finde ich, wenn man durch Glauben soviel Kraft findet, dass man kämpfen und sich durch die Medizin helfen lassen kann. Aber ich fürchte, die Geschichte mit Gott siehst du genauso skeptisch wie ich, nich wahr Kätz? 😉 Von daher: nicht mit Dingen beschäftigen, die einen aufregen, macht glücklicher. Nutz deine Zeit lieber, um mit mir Kaffee zu trinken!

    • Chaoskatze sagt:

      Hm, jein. Häufig vergessen das die Ärzte bzw sehen sich nicht dafür zuständig, aber oft wird einem das auch empfohlen. Darum kümmern muss man sich allerdings primär selbst. Jetzt hier in der Schmerztagesklinik ist es mir das erste Mal passiert, dass ein paar Stunden bei einer Psychotherapeutin ganz selbstverständlich eingeteilt werden.

      Und – schön, dass wir uns gestern getroffen haben, ich war tatsächlich dabei, etwas aggressiv zu werden. Bei Fußballfans scheint irgendwie der IQ mit einer höheren Wahrscheinlichkeit nach unten abzurutschen… -.-

      • Tweetie sagt:

        Glaub, dass das gar nicht primär am Fußball, sondern eher am Alkohol liegt… Naja, tief durchatmen und so :-*

  5. Brr. Sowas macht mich auch immer fürchterlich wütend. Ich war letztens auf youtube unterwegs und hab mir nen Video zu Ernährung angeschaut und dann wurde eines empfohlen mit „Rohkost, so heilt Dr. Sowieso Krebs bei seinen Patienten“. Da hätte ich schon wieder vor Wut in den Laptop beißen können ^^
    Das ist sooo brandgefährlich und unverantwortlich, kleingeistig und dumm. Ich kann dich da 100 % verstehen.

  6. Chaoskatze sagt:

    Willkommen hier im Blog!
    Ja, bei manchen Dingen merkt man einfach auch, wie verzweifelt sich so manch einer am Leben festhält. Denke, das ist nicht unbedingt dumm, sondern vielmehr eine Panik vor Dingen, auf die man keinen Einfluss hat…..

    Viel Glück und Erfolg für dein Studium!

  7. Danke 🙂
    mit dumm meinte ich auch diejenigen, die nicht selbst betroffen sind, sondern die, die damit Profit rausschlagen, in dem sie verzweifelten Menschen Hoffnung machen auf Heilung. Wobei das eigentlich nicht dumm, sondern gierig und unmenschlich ist..

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