Negator

Immer wieder passieren Dinge, mit denen man nicht rechnet. So auch die Tage.

Mitten in der Nacht – zumindest fühlte es sich so an, wobei das auch an der nicht ganz alkoholfreien Diskussionsrunde am Abend davor liegen könnte – klingelt es auf einmal an meiner Tür. Diese Glocke ist laut. Wirklich laut. Ich bekomme bis heute jedes zweite Mal einen halben Herzinfarkt. Diesmal erst recht. Benommen stehe ich schon fast, bis ich überhaupt registriere, dass es da klingelt. Der gute Mensch hatte nämlich auch die Eigenheit, ungefähr 3, 4 Sekunden lang auf die Klingel zu drücken. Mehrfach.

Mit viel zu hohem Adrenalinpegel und noch halb im Schlaf kletterte ich fluchend also mein Bett herunter und stürzte an die Tür. Bis dahin hatte er ungefähr fünfmal geklingelt und mich leicht aggressiv gemacht. Ergebnis: ein Paket.

 

L., eine gute Freundin von mir, hatte in der letzten Zeit immer mal wieder angekündigt, dass demnächst eine Kleinigkeit vorbei schauen würde. Weil wir uns momentan wegen Prüfungsstress bei ihr kaum sehen. Allerdings hatte ich eher mit einer Postkarte oder einem kleinen Brief gerechnet und nicht mit einem Paket. ^^

Nachdem der Postbote verschwunden war und ich mit beiden Augen gleichzeitig geradeaus schauen konnte, sah ich auf den Absender und musste grinsen: NEGATOR.

Dabei handelt es sich um eine deutsche Black Metal-Band. Seit 10 Jahren sind sie unterwegs und entwickeln dabei ihren speziellen Stil immer weiter. Wer sich ein wenig einhören mag – hier ist die Homepage und hier ein Report über das aktuelle Album und ein paar Beispiele hier und hier.

Ich war vor ein paar Jahren zufällig darüber gestolpert. Ich weiß noch, ich wollte damals unter anderem wegen der Band auf ein bestimmtes Festival – sie spielen nicht so oft und erst recht nicht in Franken. Ja, kurz davor war meine temporäre Aphasie und mein erster Tumor wurde entdeckt. Kurz nach einer Hirn-OP ist ein Festival nun mal nicht unbedingt so ideal… Hatte die Karte dann noch abgegeben, aber es hatte mich wirklich geärgert. War dann aus Prinzip in der Nähe in eine Disko gegangen, bei der eine Cover Band spielte – nach genau einem Lied hatte ich die Disko dann auch wieder fluchtartig verlassen. ^^

 

Naja, zurück zum Anfang – ich öffnete also recht gespannt das Paket. Heraus kam: Eine DigiPak vom letzten Album, die EP vom aktuellen Album, dazu eine der Drumstickpaare des Schlagzeugers, mit denen er die neue CD eingespielt hatte und zwei Tshirts. Wow. Damit hatte ich definitiv nicht gerechnet… Was mich aber am meisten freute, war der beigelegte Brief von Nachtgarm, in dem er mir beschrieb, wie es zu diesem Paket gekommen war, wie er auch hier in meinem Blog gelesen hatte, wie es dazu kommt, dass ihm solche Themen wie mein Tumor nicht unbedingt unberührt lassen. Besonders einen Satz finde ich sehr treffend und motivierend und deshalb erlaube ich es mir, ihn wortwörtlich hierhin zu schreiben:

„Worauf ich hinaus will: Aufgeben sollte niemals eine Option sein. Weder für Betroffene noch für Verwandte, Bekannte, Freunde.“

Und damit gebe ich ihm voll und ganz recht.

 

Musik ist mir unglaublich wichtig, ich bin regelrecht abhängig davon. Nicht unbedingt nur Metal, aber doch bevorzugt. Muss halt zur Stimmung passen; mal eher das Vertraute, mal etwas ganz Neues; mal lieber ruhig, mal wild und schnell; mal harmonisch, mal dissonant. Deshalb brauche ich auch die Festivals im Sommer – so anstrengend wie sie körperlich teilweise sind, so gut tun sie doch der Seele…

Mir so ein Paket zu schicken hat mir gezeigt, was ich unter dem Zusammenhalt der Szene verstehe. Zwar sehe ich manche Bereiche durchaus etwas kritisch und genauso wie in allen anderen gesellschaftlichen Subgruppen gibt es die üblichen Deppen und Klischees und das alles. Doch dass eine Band aus der Black Metal-Szene durchaus so „untrve“ sein kann und zu Leuten wie mir hält, das zeigt mir doch, wie richtig mein Gefühl dafür ist. Denn nur, weil man nicht unbedingt vollständig mit jedem Aspekt der Gesellschaft übereinstimmt und auch nicht unbedingt den toten Fischen nachschwimmt, heißt das noch lange nicht, dass man negativ ist oder denkt. Gerade auch persönliche Dinge von sich preis zu geben, an eine Unbekannte, das ist Stärke und ich fühle mich des Vertrauens geehrt – und ja, es motiviert. Definitiv.

 

Ein ganz großes Danke an die Band, vor allem an Nachtgarm und natürlich an meine süße L! ♥

 

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Links aktualisiert

Was ich mir eigentlich schon ewig vorgenommen hatte. Aber endlich auch mal gemacht….

  • Ein Blog hat mich besonders berührt: Der Traurige schreibt von seinem kleinen Sohn, der das sogenannte Opsoclonus-Myoclonus-Syndrom hat, eine Tumorart (Neuroblastom) in Kombi mit einer Gegenreaktion des Körpers, der sich damit selbst angreift.
    Bei Kindern finde ich es immer am Schlimmsten….
  • Katerwolf im Alltag

Und einige Blogs über das Thema „Dissoziative Persönlichkeitsstörung“. Darüber bin ich vor einigen Jahren das erste Mal gestolpert (2004? ungefähr?) und hatte angefangen, mich ein wenig damit zu beschäftigen. Ein paar Bücher gelesen, im Internet umgeschaut. Tatsächlich ging das soweit, dass ich, damals noch in dem wunderbaren Optimismus der Jugend, dachte, ich könne Psychologie studieren und mich dann darauf spezialisieren, entweder als Psychotherapeutin oder in der Forschung der Biopsychologie. Daraus wurde ja nichts. Inzwischen gibt es schon deutlich mehr Informationsmöglichkeiten über das Thema als früher und meiner Meinung nach ist es wichtig, sich damit und der Ursachen auseinander zu setzen. Nicht ignorieren, dass es solche Dinge gibt, nicht wegschieben. Denn – wer weiß, ob man nicht schon seit Jahren jemanden kennt und es nur nicht bemerkt hat? Also, letzter Satz war allgemein auf psychische Probleme bezogen. DIS ist meiner Laienmeinung nach eine der krassesten Reaktionen der Menschheit, einerseits zeigt es die wahren Abgründe der Täter, andererseits aber auch die Leistung derjenigen, die diese Gewalteinwirkungen überlebt haben. Denn grob verallgemeinert hat das DIS immer eine Ursache: das mehrfache Erleben (für das Kind) lebensbedrohlicher (erscheinender) Gewalteinwirkung, in den meisten Fällen sexueller, teilweise ritualisierter Missbrauch im frühen Alter (meist bis ca. 5 Jahre).

Dissoziation ist für jeden Menschen etwas natürliches: jeder von uns hat Situationen, die so alltäglich geworden sind, dass man sich kaum mehr daran erinnern kann – wer weiß schon, wie genau das Teller abspülen vorhin war oder worüber beim duschen nachgedacht wurde? Diese an sich natürliche Reaktion nutzt das Unterbewusstsein in einem Moment, aus dem keinerlei andere Fluchtmöglichkeit mehr besteht – es spaltet sich; entweder komplett oder ein kleiner Teil spaltet sich ab. Hat das funktioniert und tritt wieder eine ähnliche Situation ein, erfolgt dieselbe Reaktion wieder. Und so entstehen teilweise komplett neue Persönlichkeiten in demselben Körper, teilweise Aspekte, Fragmente.

Es ist ein ziemlich heftiges Thema – aber eines, das existiert, bis heute, jeden Tag. Leider. In unserer ach so modernen und aufgeklärten Gesellschaft, in der es leider immer noch zu viele Ärzte und Therapeuten gibt, die behaupten, sowas gäbe es gar nicht. Wie es auch immer noch zu viele Leute gibt, die das Thema sexueller Gewalt an Kindern ignorieren; die immer noch glauben, dass sowas eine ganz seltene Ausnahme wäre, dass sowas doch nur früher öfter gegeben hätte. Das stimmt schlichtweg nicht. Aber man kann ja viel leichter leben, wenn man sich nicht mit sowas beschäftigt, nicht?……

Wer den Mut hat, sich damit auseinander zu setzen, hier sind Blogs über das Thema DIS:

Es gibt auch noch weitere Blogs und Seiten über dieses Thema, wer sich dafür interessiert, am besten nach dem Fachausdruck suchen oder auch nach Michaela Huber – das ist eine Psychotherapeutin, die bezüglich des Themas international wie national unglaublich viel bewirkt hat und dabei immer im Alltag stehen geblieben ist. Eine Person, die ich ein wenig bewundere, sie hat es geschafft und wirklich Dinge im Leben zum Positiven geändert hat, sie kämpft für die Betroffenen und setzt sich mit Themen auseinander, die die meisten Leute verleugnen oder nicht wahrnehmen wollen. Das muss man erstmal schaffen…

The Battle We Didn’t Choose

 

 

The Battle We Didn't Choose

Eine Geschichte, erzählt vom Mann einer vom Brustkrebs Betroffenen. Er hat sie begleitet, vom Anfang bis zum Ende, und dabei die Sekunden gefangen, die sie bewegten.

Bilder sagen mehr als Worte, ein häufig verwendetes Zitat. Hier stimmt es. Aber auch seine Geschichten erzählen mehr als das Geschehene.

Nur als Vorwarnung: es ist wirklich eine Seite, die sehr schnell das Herz bewegt… Wenn du gerade in einer labilen Situation bist, dann vielleicht eher nicht rein schauen, ich weiß nicht, ob das dann gut tut oder nicht…

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