Festivals und Schwerbehinderte

Bei diesen Festivals habe ich das erste Mal die Möglichkeit genutzt, meinen Behindertenschein vorzuzeigen und damit auch die für uns gemachten Podeste zu benutzen.

Ungewohnt. Wirklich. Ab und an kommt man sich vor, als würde man angestarrt werden, als würde man nicht dazu gehören, weil man es nicht sehen könne…

Nun ja. In Wacken war es toll. Superfreundliche Leute, viel Achtung voreinander. Das hat mir richtig gut gefallen. Ich musste, wie üblich, meinen Ausweis zeigen und konnte dann mit einem Begleiter hoch. Geniale Sicht und, noch viel wichtiger, die Möglichkeit, sich hinzusetzen. Habe mich mit einem dort sehr gut unterhalten (ein halbes Weltwunder, aufgrund seines Berufes kannte er den Ausdruck Ehlers-Danlos-Syndrom), war echt lustig. Sein Bruder, wenn ich mich recht erinnere, war wegen Schäden an der Wirbelsäule im Rolli.

Im Summerbreeze war es auch sehr lieb, nur zwischendurch irritierend –  ich wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass der Bereich für Rollis ist, und ich, falls es zu voll werden sollte, den Raum verlassen müsse. Keine Ahnung, ob das grundsätzlich so gemacht wird, oder nur bei mir, weil ich sozusagen nicht krüppelig genug aussehe…

Insgesamt glaube ich, es gibt 2 Sorten von Begleitern: einmal die, die sich wirklich lieb um den anderen kümmern, oft waren es Beziehungen, und das waren auch die, die immer wieder geguck haben, ob hinter ihnen jemand nicht genug Sichtfeld hat oder sich direkt hinten an den Rand gestellt haben. Und dann eben die andere Sorte: schnell hochschieben, dann sich mit feiern beschäftigen und sich am besten genau in die Mitte stellen. Nun ja…

Bei den anderen Leuten mit Behinderung war ich sehr positiv überrascht. Hatte mehrfach gehört, dass eine Art verdrehte Konkurrenz vorherrscht, der, dem es schlimmer geht, hat gewonnen. Das war gar nicht der Fall! In Wacken hab ich mich echt toll unterhalten (wir haben dann noch zu viert uns zusammengesetzt und gemütlich Bier getrunken und gelabert) und im Summerbreeze war es auch so, dass immer wieder einige geschaut haben, ob ich auch sehe (hab mich immer in eine Ecke gesetzt, ganz entspannt), einer hat mich ganz lieb an seinem Met mittrinken lassen (*yam*), das war super.

Und vor allem ist gerade das ein Festival, bei dem sich die Schmerzen wirklich in Grenzen gehalten hat (wenn du dir schon mal ein Gelenk entzündet hast, weißt du, wie sich das anfühlt..), nur es stellt sich immer mehr heraus, dass ich mich endlich mal mit der Wirbelsäule beschäftigen sollte.. Aber egal. Also durchgehend positiv!

Das einzige, was mich schockiert hat, war in Wacken… Dort standen wir unten und der eine ist aus seinem Rolli aufgestanden und schnell zu den Dixieklos, die ja direkt dort standen. Zufällig wusste ich ja, dass er gerade mal ein paar Schritte gehen kann. Labert uns nicht so ein Vollidiot von außen an, dass wir alle nur faken würden, dass wir sozusagen keine „echten“ Schwerbehinderten sind.. Das hat mich wirklich wütend gemacht… Ich habe ja teilweise echt ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Möglichkeiten ausnutze, aber gerade jemand im Rollstuhl, das stelle ich mir nicht unbedingt einfach vor, mit all den Sachen im Alltag…

Naja, und in Wacken war das Problem, dass der Bereich für Schwerbehinderte zu klein war, sehr viele haben dort keinen Platz gefunden. Einen im Rolli haben sie wohl sogar ein paar Kilometer weit fahren lassen! Allerdings interessiert mich das in Zukunft nicht, Wacken ist mir zu groß geworden, zu viele Idioten, die halt davon gehört haben etc…

Dennoch, ich freue mich, dass dort auf uns eingegangen wird, viele hätten ohne wohl kaum die Möglichkeit, die Bands zu sehen, von der allgemeinen Festivalstimmung ganz zu schweigen. Und wer weiß, vielleicht gewöhne ich mich irgendwann an das Gefühl, irgendwo dazwischen zu sein, gesund aussehend, krank sein…

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